Musik / CD

Drake: ScorpionEin Star, zwei Seiten

Die letzten Wochen waren für US-Rap-Fans mehr als spektakulär. Die jeweils sieben Songs umfassenden Alben, die Pusha T, Nas, Kid Cudi und Kanye West selbst unter der Regie des Kim-Kardashian-Gatten veröffentlichten, ließen Menschen zuletzt jeden Freitag mit Streichhölzern in den Augen bis in die frühen Morgenstunden warten, um die Projekte endlich hören zu können. Einheitlicher Tenor: Zumindest die Kürze der Platten wurde gelobt. Für einen anderen Rap-Superstar unserer Zeit, den Kanadier Aubrey Drake Graham, geht es nun in vielerlei Hinsicht in eine ganz andere Richtung. Schließlich ist Drakes sehnlichst erwartetes neues Album "Scorpion" das genaue Gegenteil: ein Doppelalbum.

Um genauer zu sein, besteht das neue Release von Drake aus zwei verschiedenen Alben. Die erste Hälfte ist klassischer Rap, die zweite konzentriert sich auf R'n'B. Drake kann beides, und der geneigte Fan kann sich aussuchen, welchen Drake er lieber mag. Mit "Scorpion" liefert der Rap-Megastar sein Opus Magnum.

Die A-Seite beginnt mit "Survival". Drake steigt mit einer Menge Chuzpe in die Platte ein, behauptet, dass seine oft angezweifelte Credibility außer Frage steht. Rappt über Situationen auf der Straße, stellt sich auf die Spitze des Berges. "My Mount Rushmore is me with four different expressions", erklärt er, und er duldet keine Konkurrenz. In "Nonstop" definiert er diese Position und die Größe seiner Person noch genauer. Das Album grüßt nicht freundlich, sondern schlägt zu. Die Beats sind Trap-Brecher, der Bass knallt.

Auch danach bleibt Drake auf Konfrontationskurs. In "Emotionless" kritisiert er den übermäßigen Gebrauch von Social Media, rappt über Leute, die ihr Leben in den sozialen Netzwerken verschwenden. "A wise man once said nothing at all", spitzt Drake seinen Standpunkt gekonnt zu. Das wahre Highlight des Songs ist aber die erste Erwähnung seines unehelichen Sohnes, dessen Existenz erst kürzlich über einen "Diss" gegen Drake bekannt wurde. In "Emotionless" findet der 31-Jährige die besten Worte als Erklärung: Er habe nicht seinen Sohn vor der Welt verstecken wollte, sondern die Welt vor ihm. Gänsehaut.

Die Single "God's Plan" lockert die Stimmung dann mit Beats auf allerhöchstem Niveau wieder auf. Die "einfachen" Hits beherrschte Drake schon immer. Die Samples kann man sich auch mehrere Minuten ohne Langeweile anhören. Danach gibt es straighte Trap-Hymnen ("Mob Ties", "Can't Take A Joke"), auf denen Drake den Stakkato-Flow und langgezogenen Singsang auspackt, dann wieder Punchlines und noch mehr Punchlines.

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Drake referiert, ja predigt beinahe über sich selbst, und man hängt an den Lippen des derzeit vielleicht bedeutendsten Rappers neben Kendrick Lamar, um auch jede Kleinigkeit mitzubekommen. Irgendwo dazwischen wirft Jay-Z routiniert seinen Hut in den Ring und droppt mit "I got your president tweeting" ein scharfes Statement. Cooler wird es nicht.

Auf der B-, also der R'n'B-Seite, die das Tempo deutlich verlangsamt, fällt man als Hörer erst einmal in ein Loch. Sie wirkt wie ein Moodboard aus Beziehungsbildern. Da sind schöne, warme Momente, aber auch Streit und Eifersucht. "Summer Games" kann zumindest mit einem verwackelten Synthesizer punkten. Doch wenn Drake den Fokus nicht mehr auf sich selbst, sondern auf seine Partnerinnen richtet, ist das alles nur noch halb so spannend.

"Blue Tint" ist als Kombination aus Trap und R'n'B interessant, auch weil Gaststar Future mit ein paar Einwürfen eine andere Klangfarbe reinbringen darf. Das funktioniert. Das Michael-Jackson-Feature "Don't Matter To Me" funktioniert hingegen nicht. Was ein Highlight hätte sein können, wirkt mit plätscherndem, kraftlosem Beat wie eine fünf Meter hohe Geschenkverpackung, in der nur ein Zettel liegt mit der Nachrcht: "Hier hätte ein großartiger Song sein müssen."

Den gibt es dafür am Ende der B-Seite. Das finale Stück "March 14" richtet sich noch einmal an Drakes Sohn. Darin arbeitet er selbstreflektiert seine Rolle als Single-Vater auf, hinterlässt eine musikalische Nachricht, die der Kleine irgendwann verstehen und stolz bewundern wird. Das rettet die zweite Hälfte am Ende über die Ziellinie.

Vielleicht sind es all die kleinen Details und Andeutungen zwischen den Zeilen, die den Hörer an der ersten Seite kleben lassen. Vielleicht sind die irgendwann aber auch abgenutzt, und man kann sich entspannter der zweiten Hälfte widmen - das langsame Tempo schätzen. Für den Moment hat der kanadische Rapper aber vor allem zwei sehr unterschiedliche Alben produziert. Eines davon ist wahrscheinlich das Spannendste, was man in diesem Sommer als Rap-Fan hören kann. Das andere hat immerhin die Möglichkeit, mit der Zeit zu wachsen. Und allein deshalb ist "Scorpion" dann doch ein voller Erfolg.

Arne Lehrke

Audio CD
Bewertungüberzeugend
CD-TitelScorpion
Bandname/InterpretDrake
Erhältlich ab29.06.2018
LabelUniversal
VertriebUniversal
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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