Donnerstag, 18.10.2018
08:44 Uhr


Kino / Portraits

"In Österreich haben Nerds eine größere Chance"

Philipp Hochmair spielt in "Blind ermittelt - Die toten Mädchen von Wien" (Samstag, 5. Mai, 20.15 Uhr, ARD)

Philipp Hochmair gilt als Extremschauspieler. Ausgebildet am berühmten Max Reinhardt Seminar seiner Heimatstadt Wien reüssierte er jung an berühmten Bühnen. Ab 2003 spielte er insgesamt elf Jahre lang fest am Wiener Burgtheater und am Hamburger Thalia. Exemplarisch für den Bühnenberserker Hochmair ist sein "Werther!", den er nach Goethes berühmter Coming-Of-Age-Geschichte bis heute als Soloprogramm performt. Kann so einer Krimi? Und dann auch noch - stark zurückgenommen - als blinder Kommissar? Philipp Hochmair, den man im Fernsehen unter anderem als schwulen Politiker aus der Ösi-Hitserie "Vorstatdtweiber" kennt, verkörpert den Titelprotagonisten der neuen ARD-Krimireihe "Blind ermittelt" (Samstag, 5. Mai, 20.15 Uhr). Im Interview spricht der 44-Jährige über die Unterschiede zwischen österreichischem und deutschem Krimidenken, Erfahrungen mit dem Blindsein und nervige Kontaktlinsen.

teleschau: Worin besteht der Reiz, einen blinden Ermittler zu spielen?

Philipp Hochmair: Einen Blinden zu spielen, ist für einen Sehenden immer eine harte Nuss. Meine Figur leidet jedoch noch unter ganz anderen Problemen. Dieser Kommissar hat seine große Liebe verloren, gibt sich selbst die Schuld daran und will sich umbringen. Er ist einer, der alles verloren hat und nicht mehr will. Mit so einem muss man als Betrachter auch erst mal mitgehen wollen.

teleschau: Wie wollen Sie das schaffen?

Hochmair: Mithilfe des Krimis, der meine Figur und hoffentlich auch die Zuschauer ein Stück weit aus dieser Depression herausreißt.

mehr Bilder

teleschau: "Blind ermittelt" ist ein Krimi, der bisweilen recht exzentrisch daherkommt. Der Kommissar kommt aus reichem Hause, lebt im eigenen Luxushotel und ist eine Art Dandy!

Hochmair: Ich glaube, dass diese Figur dazu taugt, die klassische deutsche Krimi-Landschaft mit neuer Fantasie anzureichern. Allein dadurch, dass dieser Krimi in Wien spielt und vor allem von Österreichern inszeniert wird (lacht).

teleschau: Was ist "wienerisch" an Ihrem Helden?

Hochmair: Der Plot ist dunkel, bewegt sich aber mit Stil. Die Handlung trägt sich vor allem in Wiener Novembernächten zu. Der Kommissar ist blind und auch der Fall ziemlich exzentrisch. Das alles hat viel mit Wiener Aktionismus und Stil zu tun. Ich würde mich freuen, wenn es mit "Blind ermittelt" weitergehen würde. Atmosphäre und Lebensgefühl von Wien sollten dann auch in weiteren Filmen eine spürbare Rolle spielen.

teleschau: Schon der "Tatort" aus "Wien" ist ziemlich morbide. Warum darf man in Österreich dunkler erzählen als in Deutschland?

Hochmair: Das Dunkle haben die Österreicher spätestens seit dem Verlust ihres Kaiserreichs im Blut. Seit dieser Zeit schlägt sich das kollektive Bewusstsein des Landes mit jenem Bedeutungsverlust herum. Österreich war aber schon davor ein grotesker Vielvölkerstaat. Davon übrig geblieben ist vor allem beim Wiener ein Hang zur Schwermut, der aber mit schwarzem Humor gekontert wird. Und natürlich ein starkes Gefühl fürs Nostalgische ...

teleschau: Sind Sie ein typischer Wiener?

Hochmair: Ich weiß nicht, ob ich es in allen Belangen bin. Auf den Krimi und ganz allgemein auf filmische Erzählungen bezogen, bin ich es. Ich liebe morbide Stoffe und bin wie - glaube ich - viele Filmschaffende von der klassischen deutschen TV-Krimi-Kultur ein wenig genervt. Ich fände es schön, wenn wir die Chance bekämen, das Spezielle an "Blind ermittelt" noch deutlicher herauszuarbeiten.

teleschau: Warum sind Serien oder Filme aus Österreich momentan oft frecher als deutsche Produktionen?

Hochmair: Neben dem angesprochenen Unterschied in Sachen Mentalität könnte es auch ganz praktische Gründe haben. In Österreich reden viel weniger Leute mit, wenn es ums Erschaffen eines neuen Programms geht. Die kreativen Prozesse werden nicht so stark kontrolliert. Deshalb haben Nerds bei uns eine größere Chance.

teleschau: Sie gelten als Schauspieler, der sich mit Haut und Haaren einer Rolle verschreibt. Wie haben Sie das diesmal gemacht?

Hochmair: Ein erster Schritt, der mir sehr viel brachte, war der Besuch des Museums "Dialog im Dunkeln". Dort wird man von einem blinden Führer durch Räume mit wechselnder Struktur, wechselnden Reizen geführt, die sich in völliger Dunkelheit befinden. Man macht quasi die Erfahrung, selbst blind zu sein. Man erfährt die Welt ausschließlich über seine anderen Sinne. Es ist eine Erfahrung, die man gemacht haben muss und nicht beschreiben kann. Manche Leute mussten dieses Experiment abbrechen, sie hatten Panik. Ich aber kann es nur jedem empfehlen, das mal auszuprobieren.

teleschau: Und danach - wie haben Sie sich weiter vorbereitet?

Hochmair: Ebenso eindrücklich war die Arbeit mit dem Kampftrainer. Der erblindete Kommissar war ein Kampfsport-Ass. Nun muss er seine Fähigkeiten an die neue Situation anpassen. Ich hatte vorher keine Ahnung von Kampfsport, arbeitete mit dem Trainer aber gleich so, dass ich nichts sehen konnte. Im Training ging es darum, sich durch Stellung und Haltung maximal zu schützen. Darum, zu erahnen, wohin die Schläge des Gegners zielen. Das hört sich nach einem Ding der Unmöglichkeit an, aber man kann doch eine Menge durch Konzentration und Schärfen der übrigen Sinne erreichen. Es war eine tolle Erfahrung. Wer konzentriert sich schon als Sehender auf die Geräusche des Windes, den ein anderer Körper macht, um zu wissen, was gleich passieren wird?

teleschau: Was haben Sie insgesamt über das Blindsein gelernt?

Hochmair: Wie gefährlich es für Blinde ist, in unserer Gesellschaft zu leben. Es gibt immer wieder Unfälle, weil die Welt der Sehenden nicht bedenkt, wie schwierig gewisse Dinge für Blinde sind. Zum Beispiel das Bedienen von Geräten oder Alltagsroutinen, die für Menschen lebensnotwendig sind. Die größte aller Herausforderungen ist natürlich der Verkehr. Ein Blinder muss sich immer bemerkbar machen, um allen Sehenden, die ja massenhaft in der Stadt unterwegs sind, klarzumachen: "Hallo, hier ist jemand, für den gelten andere Regeln." Viele Menschen denken im Verkehr aber nicht für andere mit. Dazu kommt, dass der Blinde immer hoch konzentriert ist und sich streng an Regeln halten muss.

teleschau: Haben Sie darüber nachgedacht, die Rolle sozusagen "blind" zu spielen?

Hochmair: Ja, wir haben darüber nachgedacht. Am Anfang drehten wir ein paar Szenen, bei denen ich Kontaktlinsen trug, die meine Sicht auf ein Minimum reduzierten. Wir sind schnell wieder davon abgekommen. Ich fand einen anderen Spielmodus, der es mir ermöglichte, einen Blinden zu spielen - obwohl ich sehen kann. Filme zu drehen, wenn man nichts sehen kann, ist unglaublich schwer. Allein die Markierungen auf dem Boden, wohin und wie weit man gehen kann, damit eine geplante Kameraeinstellung funktioniert - man muss diese Marken sehen können, damit eine Szene funktioniert.

teleschau: Sie sind - vor allem auf der Bühne - ein sehr expressiver Schauspieler. Mussten Sie sich zusammenreißen, Ihren blinden, depressiven Kommissar so zurückgenommen zu verkörpern?

Hochmair: Ich musste auf jeden Fall andere Antennen ausfahren. Ich spielte mit anderen Mitteln. Die Mechanik oder Wildheit findet eben nicht am Körper sichtbar statt, sondern beim Zuhören oder Verarbeiten des Gehörten. Die schauspielerische Aufmerksamkeit, auch die Aktion geht nach innen. Ich habe diese Aufgabe nicht weniger aufregend, aktiv oder anstrengend empfunden als anderen Rollen. Natürlich sieht das Ergebnis zurückgenommener aus. Aber ich habe es beim Spiel nicht so empfunden.

teleschau: Drückt sich ein Schauspieler nicht automatisch auch mit den Augen aus? Kann man sie in einer Szene bewusst starr halten - und bringt es das überhaupt?

Hochmair: Es ist tatsächlich nicht einfach, aber ich habe mit dem Regisseur einen Modus gefunden, wie es unserer Meinung nach realistisch aussieht. Dabei kam jedoch kein Trick zur Anwendung. Nach dem Motto: Ich starre immer auf einen Punkt! Es war eher eine mentale Einstellung: Ich richte den Blick beim Spielen nach innen. So sieht es auch nach außen - hoffentlich - überzeugend aus.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

Versenden Drucken

Weitere Artikel


Film-Starts

Film-Archiv

Suche im Radio Berg Film-Archiv anhand eines Titels oder eines Darstellers nach Filmkritiken.

  
DVD-Filme

Erfahre mehr über die neu erschienenen DVDs in den aktuellen Besprechungen.

Ticketshop

Sicher Dir im Radio Berg Ticketshop die Tickets Deiner Wunschveranstaltung!

Anzeige
Zur Startseite