Musik / CD

Mike Singer: Deja VuDas große Nichts

Selbstauflösung durch Psychose, der Verlust des eigenen Ichs, dann die mühsame Genesung. Wenn überhaupt. Furchtbar. Oder: Instagram-Account löschen und neu beginnen. Auch das ist furchtbar, wenn man 18 Jahre alt ist, Mike Singer heißt und die digitale Selbstauflösung fürchtet. Mike Singer jedenfalls hat ein Smartphone, und was er damit macht, darüber singt er. Schon mit 13 Jahren coverte Singer Songs und stellte sie auf YouTube, dann ging er zu einer Castingshow und scheiterte. Später gelang dann doch der Durchbruch. Nachdem sein letztes Album "Karma" 2017 auf Platz eins chartete, folgt nun "Deja Vu". Die Biografie klingt ganz nach der großen Justin-Bieber-Erfolgsstory. In Videos macht Singer gerne Bewegungen mit seinen Händen, die signalisieren sollen, dass er sich über die Unterstützung seiner Fans sehr freut. Haben wir es hier also mit dem immer wiederkehrenden Teeniestar-Deja-Vu zu tun - oder steckt doch mehr dahinter?

Hinter dem Erfolg von Mike Singer steckt jedenfalls auch seine digitale Selbstentblößung, die natürlich keine echte Entblößung ist. Da sind Fotos mit verträumtem Blick in die Ferne und ein bisschen coole Kleidung, die aber nicht zu extravagant ist, damit niemand verschreckt wird. Seine Musik funktioniert nach demselben Prinzip. Mike Singer singt schön, bricht aber mit seiner Stimme nie in Sphären aus, die nicht der Norm entsprechen. Seine Musik ist beeinflusst von grimmigen Trap-Sounds, denen alles Grimmige abhanden gekommen ist. Von verdrogten Nebelschwaden-Synths, die auf Singers Album clean geworden sind. Von EDM-Gestampfe, zu dem es sich in der Großraumdiskothek sehr gut tanzen lässt.

Alles ist ästhetisch bei Mike Singer, ein wenig lässig auch, aber in keinster Weise aufmüpfig. Man fragt sich: War dieser Junge nie in der Pubertät, hatte er nie Lust darauf, zu rebellieren? Nein, alles cool, antwortet Singer in seinen Texten. In denen geht es um die echten Freunde, und um Mädchen, die einfach "nice" sind und sich, wenn sie mit Singer zusammen sind, ausziehen sollen, weil es heiß ist. Und, weil ihre Instagram-Fotos ihn anmachen. Auch das ist nicht pubertär, sondern geschmacklos.

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Singer fährt in seinen Songs auch durch deutsche Städte, steht auf Bühnen und freut sich auf zu Hause. Dann hat er Liebeskummer. Dann postet er ein Foto. Auf seinem Album "Deja Vu" passiert das in verschiedenen Variationen, die sich derselben Schablone bedienen. Selbst Singers Emotionen, die er vermutlich wirklich in diese Songs gesteckt hat, wirken durch das Soundbild wie von einem Instagram-Filter kaschiert.

Auf "Deja Vu" geht es um Probleme und Wünsche, die jeder aus seiner Jugend kennt. Denen wurden aber vom angepassten Normcore-R'n'B Singers ihr Eros entzogen. Was bleibt, ist irgendein Status, irgendein Bild oder irgendeine Erinnerung. Ganz nett. Austauschbar. Schnell vergessen. Justin Bieber hat sich von solchen Belanglosigkeiten mittlerweile wegentwickelt. Mike Singer wäre diese Entwicklung auch zu wünschen.

Johann Voigt

Audio CD
Bewertungenttäuschend
CD-TitelDeja Vu
Bandname/InterpretMike Singer
GenrePop
Erhältlich ab19.01.2018
LabelWarner
VertriebWarner
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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