Kino / Portraits

Jung sein ist stärker als der Krieg

Jonathan Berlin spielt in "Die Freibadclique" (Mittwoch, 28. März, 20.15 Uhr, ARD)

Es müssen nicht immer die bleiernen, kargen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sein, mit denen man Jonathan Berlins Erscheinung assoziiert. Privat wurde der junge Schauspieler wiederholt mit Fußballstar Julian Draxler verwechselt. Vor allem als der noch "auf Schalke" spielte. Eine blaue Trainingsjacke, die des Fußballers schauspielernder Lookalike leidenschaftlich gerne trägt, mag die Konfusion befeuert haben. Als Berlin mal nachts um zwei Uhr aus einem Club kam, erinnert er sich, tuschelte man hinter seinem Rücken. Von wegen - schweres Champions League Spiel am selben Abend! Dabei würde sich Jonathan Berlin niemals zu einer solchen Undiszipliniertheit hinreißen lassen. Als Schauspieler lebt der Sohn eines evangelischen Pfarrpaares mindestens so professionell, als spielte er Erste Bundesliga. Tut er ja auch gewissermaßen. Im deutschen Fernsehen sieht man sein jungenhaftes Gesicht regelmäßig. Nun auch im Drama "Die Freibadclique" (Mittwoch, 28. März, 20.15 Uhr, ARD). Einem Coming-Of-Age-Film nach literarischer Vorlage, der die schwäbische Provinz um das Kriegsende herum porträtiert.

Jonathan Berlin wusste früh, was er wollte. "Mit sieben habe ich mir eine Holzpuppe geschnitzt und wollte Marionettenspieler werden", sagt er. Es kam so ähnlich. Mit zwölf fing er im Jungen Ensemble des Theaters in Ulm an. "Da gab es eine tolle Jugendarbeit. Zwei- oder dreimal pro Woche wurde geprobt. Vor Aufführungen waren die Tage dort schon mal zehn oder zwölf Stunden lang. Das hat mich früh und dauerhaft elektrisiert. Mit 14, 15 war mir klar, dass ich Schauspieler werden will."

Diese Erfahrung und der Dokumentarfilm "Die Spielwütigen" über eine Gruppe junger Schauspieler, die sich auf ihrem Ausbildungsweg porträtieren ließen, gaben den Ausschlag, dass sich Jonathan bereits mit 16 Jahren an der berühmten Schauspielschule "Ernst Busch" bewarb. Es ist die einzige in Deutschland, bei der man bereits in diesem Alter vorstellig werden darf. "Alle anderen, die vor mir gespielt haben, waren etwa 20 Jahre alt. Und dann komme ich: Hi, ich bin Jonathan und ich bin 16. Es hat dann auch nicht geklappt - in jenem Jahr."

Dafür absolvierte er die Vorstellungsrunde bei den staatlichen Schauspielschulen erfolgreich ein Jahr später. An der Münchener Otto Falckenberg-Schule machte der Pfarrerssohn im Sommer 2016 seinen Abschluss. Regelmäßig drehen durfte er aber schon mit 15 Jahren. Was genau den Ausschlag dafür gegeben hatte, weiß er nicht. Klar, es mag Glück dabei gewesen sein. Sicher auch Talent.

Jonathan Berlin ist dankbar und klug genug, seinen bisherigen, ziemlich erfolgreichen Weg als Jungschauspieler nicht zu hinterfragen. Schnell landet man bei Erklärungen, die viel mit Zufällen zu haben. Und bei der Tatsache, dass eben der neue Jobs bekommt, der schon mal drin ist im Geschäft. Dieser Schritt ist Jonathan Berlin offenbar gelungen. In Fernsehkrimis wie "Helen Dorn" oder "Gnadenlos" war er zu sehen, in einem Märchenfilm als Prinz, vor allem aber als "junges Gesicht" der deutschen Nachkriegszeit.

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Er spielte im mittlerweile sechs Filme langen Drama "Tannbach" über die Teilung eines deutschen Dorfes nach dem Zweiten Weltkrieg, der zweiteiligen Nachkriegs-Erzählung "Die Himmelsleiter" und nun in "Die Freibadclique". Man könnte schon behaupten, dass sich Berlins Rollen in dieser Epoche "häufen". Oder ist es nur so, dass diese Ära - was die Realisierung von Fernsehstoffen betrifft - derzeit nur besonders angesagt ist?

"Vielleicht interessiert uns diese Zeit gerade so", vermutet der 23-Jährige, "weil sich moralische Werte in ihr manifestieren. Die Jugendlichen mussten sich, im Gegensatz zu meiner Generation heute, schnell und deutlich entscheiden, für welche Werte sie stehen wollten." Jonathan Berlin selbst besuchte eine Montessori-Schule, wo es üblich war, bereits die Grundschule mit einer eigens erstellten Abschlussarbeit zu beenden. "Ich interessierte mich immer schon für die Zeiten des Neuanfangs, damals für die des Wiederaufbaus, weswegen ich dann etwas über das 'Wunder von Bern' gemacht hatte. Die Sehnsüchte der Jungs sind ja generationsübergreifend ähnlich: Freiheit, Abenteuerlust. Der Sprung vom Zehnmeterturm, ein zentrales Motiv in 'Die Freibadclique', ist ein starkes Symbol: Man kann fallen, aber man kann sich auch fallen lassen. Man muss springen, aber man darf auch springen."

Während der Arbeit an "Die Freibadclique" erlebte Jonathan Berlin im Ensemble seiner etwa gleichaltrigen Schauspielkollegen, wie sich eine starke Gruppe anfühlt: "Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte über Jungs, die ihre Jugend eben nicht in der Unbeschwertheit erleben dürfen, wie ich das konnte. Ich habe die Hoffnung, dass junge Zuschauer dem Stoff deshalb weniger den Kontext Historienfilm anheften und über diese Jungs- und Jungendthemen einen besseren Zugang zu der Erzählung finden."

Auch die "Schauspielclique" des Films war für Berlin fast noch mal wie eine zweite Jugend: "Der Film erzählt von Freundschaft und die hat in der Konstellation der Freibadclique etwas sehr Liebevolles. Ich selbst hatte nie eine wirkliche Clique, als ich in dem Alter war. Ich hatte tolle Freunde, aber keine klare Gruppe", sagt der Schauspieler. "Bei meiner Schwester und meinem Bruder konnte ich sehen, wie das ist, Teil einer eingeschworenen Gruppe zu sein. Es ist auf jeden Fall ein Konstrukt mit einer besonderen Kraft. Wir merkten das auch beim Dreh, weil sich dieses Gefühl auf unsere Clique der jungen Schauspieler übertrug."

Nach "Die Freibadclique" soll für Jonathan Berlin nun trotzdem erst mal Schluss sein mit der Nachkriegszeit. Dieses Jahr wird man ihn im Fernsehen noch in der Literaturverfilmung "Kruso" sehen, die 1989 auf Hiddensee spielt und von einem leisen, fast surrealen Zusammenbruch der DDR erzählt. Und wer weiß, vielleicht wird ja demnächst mal das Leben von Julian Draxler verfilmt. In diesem Falle stünde die Besetzung der Hauptrolle wohl schon fest.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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